Ängste dürften die häufigste Ursache sein, weshalb Menschen psychotherapeutische Hilfe suchen. Ein großes Problem für viele Betroffene ist dabei, dass Sie nicht verstehen, wieso sie diese Ängste haben und wieso sie so scheinbar völlig irrational reagieren. In diesem Artikel möchte ich interessierten Lesern deshalb ein wenig über die theoretischen Hintergründe von Ängsten sprechen. Sie erfahren auf dieser Seite, welchen evolutionären Sinn Ängste haben, wie sie entstehen und welche Mechanismen sie aufrecht erhalten.

Wenn Sie mehr über die Behandlung und Therapie von Ängsten mit Hypnose oder EFT erfahren möchten, dann lesen Sie bitte meine Seite zur Angsttherapie.

Ängste als evolutionäres Überlebensprogramm

Wer unter Ängsten leidet, der neigt häufig dazu, Ängste als etwas Nutzloses und Schädliches zu betrachten. Dabei ist Angst als Emotion ein uraltes genetisches Programm unseres Körpers, welches für einige überlebenswichtige Funktionen zuständig ist:

  • Gefahrenradar: Angst soll uns vor potenziellen Gefahren warnen. Ein wenig ängstlicher Steinzeitmensch war vielleicht nicht vorsichtig genug und hatte so ein höheres Risiko zu sterben.
  • Aktivierung körperlicher Ressourcen: Im Falle einer akuten Gefahr werden mit der Angst blitzschnell alle körperlichen Funktionen aktiviert, die für Kampf oder Flucht nötig sind:
    • Erhöhte Aufmerksamkeit, die Pupillen weiten sich, die Seh- und Hörnerven werden empfindlicher
    • Erhöhte Muskelanspannung, erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit
    • Erhöhte Herzfrequenz, erhöhter Blutdruck
    • Flachere und schnellere Atmung
    • Erhöhte Energiebereitstellung in Muskeln
    • Die Blasen-, Darm- und Magentätigkeit wird während des Zustands der Angst gehemmt
    • Absonderung von Molekülen im Schweiß, die andere Menschen Angst riechen lassen und welche bei diesen unterbewusst Alarmbereitschaft auslösen
  • Volle Konzentration: Im Zustand der Angst richten wir die volle Konzentration auf die Gefahr und blenden gleichzeitig in diesem Moment Unwichtiges aus. Der sogenannte Tunnelblick ist vielen von uns sicherlich bekannt.

Ein Urzeitmensch, der eine Gefahr sah, konnte dank der Angst also innerhalb von Sekundenbruchteilen die Energiereserven seines Körpers mobilisieren, um sich der Gefahr massiv entgegenzustellen oder schnell zu fliehen. Die Möglichkeit, Angst zu empfinden, war in der Evolution somit von existenzieller Bedeutung. Und sie ist es immer noch!

Problematisch wird Angst jedoch dann, wenn sie überhand nimmt und vor allem dann, wenn Sie in Situationen auftritt, in welchen Sie weder nützlich noch erwünscht ist. Wie es dazu kommen kann, lesen Sie im nächsten Abschnitt!

Entstehung von Ängsten

Unser Gehirns funktioniert assoziativ. Alle emotionalen Lernerfahrungen werden auf eine Art gespeichert, dass die erlebten Sinneseindrücke (“Was sehe/höre/fühle/rieche/schmecke ich in dem Moment?”) sowie die zugehörigen Emotionen im Gehirn assoziativ verknüpft werden. Wenn wir später im Leben in Situationen kommen, welche uns an die damalige Lernerfahrung erinnert, dann rufen wir automatisch die damit assoziierten Elemente wieder ab. Wir riechen zum Beispiel den Geruch von unserem alten Lieblingsgericht zu Hause bei Oma und sofort kommen alte Bilder und Emotionen hoch. Oder wir hören eine Melodie, die bei einem traurigen Ereignis gespielt wurde, und uns überkommt sofort wieder diese alte Trauer. Oder wir sehen einen Hund und bekommen Angst, weil wir uns erinnern, wie wir als Kind von einem Hund gebissen wurden. Sehr häufig werden jedoch die damit verknüpften Erlebensinhalte gar nicht bewusst erinnert, sondern es wird nur die Emotion gespürt, ohne dass Bilder oder Erinnerungen ins Bewusstsein dringen.

Aber wie entstehen nun eigentlich Ängste und was hat das mit dem Prinzip der Assoziation zu tun? Ich werde im Folgenden ein paar Ursachen für Ängste aufzeigen und den Zusammenhang mit der assoziativen Funktion des Gehirns erklären:

  • Belastendes oder gar traumatisches Erlebnis: Stark furchterregende Situationen der Vergangenheit können in ähnlichen Situationen der Gegenwart wieder ängstliche Gefühl in uns auslösen. Ein offensichtliches Beispiel ist der Hundebiss, der zu einer Hundephobie führte. Aber auch ein sexueller Missbrauch, der vielleicht zu einer Angst vor körperlicher Nähe beitrug, wäre so ein Beispiel.
  • Lernen vom “Modell”: Eine Angstreaktion wird von einem Vorbild gelernt. Eine überängstliche Mutter kann durch ihr Verhalten dem Kind vermitteln, dass das Leben voller Gefahren ist. Das Kind assoziiert dann z. B. das ängstliche Gesicht der Mutter zu ganz vielen Situationen im Leben. Ein weiteres Beispiel ist eine Spinnenphobie: Wenn ein Kind beobachtet, wie seine Mutter beim Anblick einer Spinne vor Angst schreit, dann assoziiert das Kind diese Erfahrung in Zukunft mit dem Anblick einer Spinne.
  • Alltägliche neutrale Situation + unangenehmer Reiz: Wenn man in ganz normalen Situationen mit einem unangenehmen Reiz konfrontiert wird, dann können diese beiden Erlebnisse im Gehirn assoziiert werden. Der Organismus entwickelt dann häufig Angst vor der ehemals neutralen Situation, um uns vor dem unangenehmen Reiz zu schützen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist das Experiment des kleinen Albert: Ein Junge, der keine Angst vor Ratten oder anderen Kleintieren hatte, wurde immer dann mit dem sehr unangenehmen Klang einer Eisenstange erschreckt, wenn er eine weiße Ratte sah. Schon nach 7 Durchgängen entwickelte er panische Angst vor der Ratte.
  • Rein kognitive Entstehung: Eine Person hat Angst vor Ereignis (A), denkt sich irgendwann, dass auch Ereignis (B) das Ereignis (A) auslösen könnte. Auf einmal macht dieser Person (B) genauso viel Angst wie (A), weil sie beim Gedanken an Ereignis (B) auf einmal immer an Ereignis (A) denken muss. Ereignis (B) wird also assoziativ mit Ereignis (A) und somit mit Angst verknüpft
  • Generalisierung: Ängste haben die Tendenz, sich zu generalisieren, sich also auf ähnliche Reize auszubreiten. So auch im Beispiel des kleinen Albert (siehe oben): Er hat die Angst vor der weißen Ratte gelernt, hatte im Anschluss aber auch Angst vor Ähnlichem wie z. B. Hasen, Hunden, Pelzmänteln, Baumwollbüscheln und sogar weißen Bärten. Warum ist das so? Weil ihn diese anderen Tiere/Gegenstände an die weiße Ratte erinnerten. Er assoziierte also diese Gegenstände/Tiere mit der weißen Ratte und diese wiederum mit der Angst.

Was Ängste aufrechterhält

Eine ganz wichtige Verhaltensweise, welche häufig Ängste aufrecht erhält, ist Vermeidung. Ängstliche Menschen haben sich unbewusst ein Weltbild gebaut, in dem z. B. Hunde, Ratten, weite Flächen, enge Räume oder auch soziale Situationen Gefahr bedeuten. Um das unangenehme Gefühl der Angst zu vermeiden, werden meist auch die angstauslösenden Situationen vermieden. Dadurch wiederum ist es jedoch unmöglich, die gegenteilige Erfahrung zu machen, nämlich dass diese angstauslösenden Situationen/Dinge gar nicht gefährlich oder sogar lebensbedrohlich sind. Diese (sehr verständliche) Vermeidungshaltung trägt somit zur Angst und ihrer Aufrechterhaltung bei.

Stark belastende oder traumatische Erlebnisse der Vergangenheit können Ängste ebenfalls aufrecht erhalten. Wenn jemand beispielsweise im Krieg durch eine Explosion einen Kameraden verloren hat, dann ist es sehr gut möglich, dass er danach beim Knall von Böllern immer wieder stark ängstliche Emotionen verspüren wird. Eine Therapie seiner Angst vor Böllern (ohne das Kriegstrauma zu bearbeiten) könnte dann zu kurz greifen. Häufig werden solche alten Erlebnisse jedoch bewusst gar nicht mehr erinnert.